Sprechen Menschen über Optimismus und Pessimismus, teilen sie sich schnell in zwei Lager. Die einen sagen: Optimisten machen sich doch Illusionen. Der einzige Schutz vor Enttäuschungen ist Pessimismus. Bevor ich mich hinterher ärgere, erwarte ich lieber gar nichts. Das Glas ist halb leer.
Das andere Lager sagt: Pessimisten malen selbst mit den buntesten Farben nur schwarz. Wir geben jedem Tag die Chance, der schönste unseres Lebens zu werden. Das Glas ist halb voll. In diesem Artikel stellen wir Dir eine dritte Möglichkeit vor: den begründeten Optimismus. Er ist für Dich sehr gesund.
Versuch einer Definition
Gehen wir die Sache wissenschaftlich an. Am Anfang jeder Untersuchung steht die Definition der Begriffe. Denn ohne Definition erfindet jeder seine eigene. Also definieren wir Optimismus und Pessimismus.
- Optimismus ist die allgemeine Vorfreude, dass wünschenswerte Ergebnisse eintreten. Ein Optimist ist also ein Mensch, der Gutes erwartet.
- Pessimismus ist die allgemeine Befürchtung, dass wünschenswerte Ergebnisse ausbleiben. Pessimistisch zu sein bedeutet also, eher Schlechtes zu erwarten.
Eines zeigt diese Definition auf den ersten Blick: Solange die gewünschten Ergebnisse noch nicht da sind, lebt der Optimist in Vorfreude. Der Pessimist lebt in ständiger Befürchtung. Bis hierhin steht es also 1:0 für den Optimismus. Vorfreude ist schöner als Befürchtung. Der Spielstand ändert sich aber, sobald das Ergebnis da ist.
Nehmen wir zuerst an, das gewünschte Ergebnis tritt ein. Was machen Optimist und Pessimist jetzt? Der Optimist fühlt sich bestätigt und macht künftig alles wieder genauso. Der Pessimist sagt: „Das war Glück. Beim nächsten Mal geht es bestimmt schief.“ Hoppla, auch er macht künftig alles genauso.
Im zweiten Fall tritt das gewünschte Ergebnis nicht ein. Der Pessimist fühlt sich bestätigt und geht künftig wieder genauso vor. Der Optimist sagt: „Das war Pech. Beim nächsten Mal klappt es.“ Überraschenderweise macht auch er beim nächsten Mal alles genauso. Was ist hier los?
Eines wird deutlich: Es gibt blinden Optimismus und blinden Pessimismus. Beides schadet gleichermaßen. Im Leben geht es darum, aus Erfahrungen zu lernen und künftig treffendere Erwartungen zu haben. Beide Haltungen werden diesem Anspruch nicht gerecht. Der Grund liegt in der fehlenden Analyse der Ursachen.
Du hast eine Prüfung verhauen, Dein Unternehmen ist gescheitert oder Deine Beziehung ist zerbrochen? Dann finde heraus, woran es lag. Verändere, was Du verändern kannst. Untersuchst Du nach Erfolg oder Misserfolg die Ursachen, treffen Deine Erwartungen künftig viel öfter zu.
Was ist begründeter Optimismus?
Neben blindem Optimismus und blindem Pessimismus gibt es eine attraktive dritte Möglichkeit. Wir nennen sie begründeten Optimismus oder begründeten Pessimismus. Wie Du es nennst, ist egal. Beides ist mehr oder weniger dasselbe. Wir bleiben hier beim begründeten Optimismus und meinen den begründeten Pessimismus mit.
Merk Dir: Wir sprechen über Weltanschauungen. Entscheidend ist, dass Du Dir die Welt auch wirklich anschaust. „Mache ich doch!“, sagst Du jetzt vielleicht. Aber wirklich immer? Treten Deine gewünschten Ergebnisse ein, fällt es leicht zu sagen: „Wunderbar, ich mache weiter wie immer.“
Schwer wird es erst, wenn Deine gewünschten Ergebnisse ausbleiben. Dann musst Du Deine Erwartungen korrigieren. Dann kannst Du nicht einfach weitermachen, sonst tappst Du wieder in dieselbe Falle.
Fünf Hürden, die auf Dich lauern, wenn Du Fehlerursachen suchst
- Du musst Dir eingestehen, dass Du Dich geirrt hast, vielleicht auch vor anderen. Vielleicht fürchtest Du, dadurch an Ansehen zu verlieren.
- Du musst Zeit einplanen, um herauszufinden, was die wahren Ursachen waren.
- Du musst abwägen, wie tief Du in die Analyse einsteigst, denn sie kostet Zeit.
- Du musst entscheiden, ob das Thema die Analyse überhaupt wert ist.
- Und das alles, während unerfüllte Erwartungen oft Enttäuschung hinterlassen. Du bist also ohnehin nicht in der Stimmung für große Veränderungen.
Trotz dieser Hürden schaust Du hinter die Kulissen und akzeptierst nicht einfach das scheinbar Offensichtliche. Das ist schwer. Es verlangt viel Ehrlichkeit Dir selbst gegenüber. Außerdem erlebst Du Rückschläge, wenn Du Dich bei den Ursachen irrst. Dann brauchst Du Durchhaltevermögen, Integrität und Mut.
Von wem kannst Du in dieser Situation lernen? Von Wissenschaftlern. Genau so arbeiten sie mit einer Hypothese. Sie testen sie. Stimmt die Hypothese nicht, verfluchen sie nicht die Welt und halten an ihr fest. Sie passen die Hypothese an.
Das unterscheidet wissenschaftliches Arbeiten von blindem Glauben. Mit einer besseren Fehleranalyse hast Du deutlich treffendere Erwartungen. Damit triffst Du erfolgreichere Entscheidungen. Ein Video zum Unterschied zwischen Glauben und Wissen zeigt, wie schwer dieser Wechsel fallen kann. Bezieh es bitte nicht auf Religion, sondern auf den Wechsel von blindem zu begründetem Optimismus.
Die Vorteile einer begründet optimistischen Geisteshaltung
Kaum eine Geschichte stellt eine begründete und eine blinde Weltanschauung so klar gegenüber wie die Geschichte mit dem Hammer. Paul Watzlawick erzählt sie in seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“. Wir geben sie hier sinngemäß wieder.
Die Geschichte mit dem Hammer
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, aber keinen Hammer. Der Nachbar hat einen. Also will er hinübergehen und ihn ausleihen. Doch dann kommen ihm Zweifel. Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer nicht leihen will? Gestern hat er ihn nur flüchtig gegrüßt. Vielleicht war er in Eile.
Vielleicht war die Eile aber nur vorgeschoben, und der Nachbar hat etwas gegen ihn. Der Mann steigert sich immer weiter hinein. Er selbst würde jedem sofort ein Werkzeug leihen. Warum der Nachbar nicht? Solche Leute vergiften einem das Leben, denkt er.
Schließlich stürmt er hinüber und klingelt. Der Nachbar öffnet. Noch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit der Mann ihn an, er solle seinen Hammer doch behalten.
Was siehst Du in dieser Geschichte? Einen Mann, der nicht begründet vorgeht. Er stellt die These „Der Nachbar ist gegen mich“ auf, prüft sie aber nicht kritisch. Er sucht nur Gründe, die seine These stützen. Alle Hinweise auf das Gegenteil ignoriert er.
Weniger unnötige Sorgen
Die Geschichte zeigt: Mit begründetem Optimismus ersparst Du Dir viele unnötige Sorgen. Sorgen belasten nicht nur die Psyche. Stress, Angst und Sorgen spielen sich nicht nur im Kopf ab. Der Körper reagiert mit, auch wenn man es nicht sieht. Das vergessen wir oft.
Belastend ist vor allem ein regelmäßiges Scheitern ohne Aussicht auf Besserung. Diese Sackgasse aus Sorgen entsteht, wenn wir die Ursachen von Misserfolgen nicht prüfen. Es geht also nicht um Optimismus gegen Pessimismus. Es geht um eine begründete gegen eine blinde Weltanschauung.
Mehr Ausstrahlung und Ansehen
Deine Weltanschauung zeigt sich auch in Deiner Körperhaltung. Denk an die typische Pose eines Optimisten oder eines Pessimisten. Der Optimist steht aufrecht, vielleicht mit erhobenen Armen. Er wirkt selbstbewusst. Die typische Pessimistenpose erinnert eher an eine zusammengekauerte Schutzhaltung.
Worauf wirkt sich eine positive Haltung aus? Auf Dein Ansehen, also darauf, wie andere Dich wahrnehmen. Wer Dich nicht kennt, schließt von Deinem Äußeren auf Dein Inneres. Strahlt Deine Körpersprache Selbstbewusstsein und Zuversicht aus, wirst Du ganz anders wahrgenommen. Mit begründetem Optimismus kommt oft auch mehr Charisma.
Das Piloten-Beispiel
Ein Pilot ignoriert mit vollem Flugzeug eine blinkende Warnlampe und sagt: „Das wird schon. Zur Not landen wir ohne Fahrwerk.“ Er ist ein blinder Optimist.
Ein anderer Pilot hat die Ursachen geprüft. Er weiß, dass die Lampe unter bestimmten harmlosen Bedingungen kurz aufflackert. Er sagt sich: „Das wird schon. Ich weiß, warum sie blinkt, und das ist ungefährlich.“ Er ist ein begründeter Optimist.
Er macht sich keine unnötigen Sorgen und steckt seine Energie in echte Probleme. Wie der Name sagt, liegt der Unterschied zwischen blinder und begründeter Weltanschauung in der Begründung. Es geht darum, warum Du eine Lage gut oder schlecht bewertest.
Der Weg zum begründeten Optimismus
Wie kommst Du zu einer begründet optimistischen Haltung, wenn sie Dir nicht in die Wiege gelegt wurde? Zunächst: Niemandem wird diese Haltung in die Wiege gelegt. Du musst sie lernen wie jeder andere auch.
Ja, manche Faktoren begünstigen sie, etwa Veranlagung und Prägung im Elternhaus. Das sind aber nur Rahmenbedingungen. Entscheidend ist ein anderes Erklärungsmuster für die Ursachen Deiner Ergebnisse. Dazu gibt es zwei Schritte.
Schritt 1: Übernimm Verantwortung für die Analyse Deiner Ergebnisursachen
Du kennst sicher die Motivationsgurus der 1980er Jahre. Mit Parolen wie „Tschakka! Du schaffst es!“ standen sie für positives Denken. Einfach rücksichtslos vorpreschen, der Rest kommt schon. Willst Du jetzt instinktiv aufhören zu lesen? Verständlich. Lies trotzdem weiter. Was stößt uns an diesen Parolen eigentlich ab?
Uns stört, dass sie uns anfeuern, ohne sich um das „Wie“ zu kümmern. Wir spüren, dass wir so nicht zum Erfolg kommen. Ohne klares „Wie“ treffen wir im Alltag keine besseren Entscheidungen. Dafür müssen wir die Ursachen unserer Ergebnisse analysieren.
Das läuft so ab: Du verfolgst ein Ziel, zum Beispiel eine Beförderung. Dann wirst Du tatsächlich befördert. War es Glück? Oder liegt es an Deiner Anstrengung und Deinem Talent? Das musst Du analysieren.
Aus Deiner Erklärung leitest Du ab, ob das künftig wieder zu erwarten ist. Oder ob es ein einmaliges Ereignis war. Angenommen, Du kommst zu dem Schluss, dass es nur Glück war. Dann strengst Du Dich beim nächsten Mal mehr an, und siehe da: Du wirst wieder befördert.
Bei der nächsten Beförderung erinnerst Du Dich daran, wie Du Dich ins Zeug gelegt hast. Und wie Du Deine Chefin mit gutem Selbstmarketing überzeugt hast. Das schaffst Du wieder. Du hast Verantwortung für die Ursachenanalyse übernommen.
Schritt 2: Übernimm Verantwortung für die Veränderung der Ursachen
Die Analyse ist nur der erste Schritt. Er ist leicht, wenn alles wie geplant lief. War das Ergebnis aber nicht zufriedenstellend, musst Du Verantwortung übernehmen und beim nächsten Mal etwas anders machen. Aber was?
Es gibt offenbar Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die zu Deinen Ergebnissen führen. In der Analyse erkennst Du diese Ursachen. Der zweite Schritt kann einschüchtern. Jetzt übernimmst Du die Verantwortung dafür, die Ursachen zu verbessern. Und Verantwortung fällt uns schwer, wenn wir unsicher sind, ob wir Erfolg haben.
Das heißt: Glaubst Du, die Ursachen Deines Erfolgs beeinflussen zu können, bist Du motiviert und optimistisch. Fühlst Du Dich dem Schicksal ausgeliefert, bist Du schnell gestresst. Du kannst die Zukunft scheinbar nicht beeinflussen. Das macht pessimistisch. In diesem Schritt entscheidet sich Dein Erfolg. Hier beurteilst Du, ob es möglich ist, Dein Leben zu verbessern.
Das bekannte Gelassenheitsgebet fasst es so zusammen: „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Konzentriere Dich also auf die Ursachen, die Du beeinflussen kannst. Nimm die anderen hin. Der Knackpunkt ist die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Eine einfache Regel dafür: Von Menschen gemachte Regeln sind veränderbar. Naturgesetze sind es nicht. Du überwindest die Schwerkraft nicht, indem Du ein Flugzeug baust. Aber Du überwindest die Stimmen, die sagen: „Menschen können nicht fliegen.“ Das eine ist ein Naturgesetz, das andere ein menschlicher Glaubenssatz.
Wie zwei Dimensionen über Pessimismus und Optimismus entscheiden
Die zwei Schritte haben wir geklärt. Erstens erkennst Du die Ursachen Deiner Ergebnisse. Zweitens veränderst Du die Ursachen, die Du beeinflussen kannst. Der Knackpunkt liegt in der Unterscheidung, was Du wirklich verändern kannst.
Ist es ein Naturgesetz oder nur eine menschliche Regel? Diese Frage wirkt sich auf zwei Erklärungsmuster aus. Sie reichen aus, um aus einem Pessimisten einen Optimisten zu machen und umgekehrt. Die zwei Muster sind Raum und Zeit.
Das 1. Erklärungsmuster: Raum
Befürchtest Du, eine Niederlage betrifft nicht nur Dein Liebesleben? Sondern auch Deinen Beruf, Deine Gesundheit und Deinen Umgang mit Menschen? Dann gehst Du sehr pessimistisch an die Zukunft heran. Du sagst dann Sätze wie „Alles ist Mist“, „Ich bin vom Pech verfolgt“ oder „Nichts kann ich richtig machen“.
Urteilst Du dagegen nicht verallgemeinernd, sondern konkret, siehst Du Niederlagen als das, was sie sind. Sie betreffen nur einen Bereich Deines Lebens. Du sagst dann „Pech in der Liebe, Glück im Spiel“ oder „Es kann nicht immer alles klappen“. In anderen Bereichen läuft es weiter gut. So gehst Du optimistischer an die Zukunft heran und sammelst dort Kraft.
Das 2. Erklärungsmuster: Zeit
Nimmst Du an, ein Problem kehrt bis ans Ende Deiner Tage immer wieder? Das schadet Deinem Wohlbefinden und Deiner Motivation. Du sagst dann „Immer passiert mir so etwas“, „Darin war ich noch nie gut“ oder „Das wird nie besser“.
Erkennst Du dagegen, dass eine Ursache nicht von Dauer ist, sagst Du: „Das ist nur vorübergehend. Beim nächsten Mal wird es besser. Ich muss mich nur mehr anstrengen. Diesmal hatte ich einfach Pech.“
Bei positiven Ergebnissen ist es genau umgekehrt. Siehst Du die Ursachen als dauerhaft und für alle Lebensbereiche gültig, bist Du sehr optimistisch. Hältst Du den Erfolg für kurzes Glück in einem Einzelfall, bist Du schnell wieder betrübt.
Schlimmer noch: Vielleicht zieht Dich der Erfolg sogar herunter. Andere, etwa Deine Führungskraft, haben ihn gesehen und erwarten ihn wieder. Du hast aber keine Ahnung, wie Du es schaffen sollst. Die Grafik zeigt die beiden Dimensionen Zeit und Raum bei Optimismus und Pessimismus.
Vom Pessimismus zum Optimismus mit der ABC-Methode
Die ABC-Methode geht auf den Psychologen Albert Ellis zurück. Sie ist einfach und wirkungsvoll. Sie hilft Dir sofort, Dir Deine Erklärungsmuster bewusst zu machen. Beginnen wir mit A, B und C.
- A steht für ein auslösendes Ereignis, dessen Ursachen Du klärst.
- B steht für Belief, also das Erklärungsmuster. Es sorgt oft unbewusst für C.
- C steht für Consequence, also Deine emotionale Reaktion wie Pessimismus oder Optimismus.
Ein Beispiel aus dem Berufsleben
Du wartest auf den Anruf eines Kunden. Er meldet sich aber nicht. Das ist A, das auslösende Ereignis.
Jetzt betritt Dein Erklärungsmuster B die Bühne. Beim Optimisten lautet es zum Beispiel: „Kein Wunder, es ist Freitagnachmittag. Er hat Besseres zu tun. Verständlich, ich eigentlich auch.“ Beim Pessimisten lautet es: „Klar, dass er sich nicht meldet. Ich will ihm ja nur etwas verkaufen. Wahrscheinlich nerve ich ihn.“
Die Konsequenz C liegt in beiden Fällen auf der Hand. Bei der optimistischen Erklärung denkst Du: „Ich versuche es am Montag wieder.“ Bei der pessimistischen denkst Du vermutlich: „Dieser Job ist nichts für mich.“
Bist Du diesem Erklärungsmuster ausgeliefert? Nein. Denn die Methode geht nach ABC mit D und E weiter:
- D steht für Disput. Du hinterfragst Dein Erklärungsmuster.
- E steht für den neuen, positiven Effekt, der an die Stelle der Konsequenz C tritt.
Der Pessimist aus dem Beispiel fragt sich also in Schritt D: Denkt der Kunde wirklich, dass ich ihm nur etwas verkaufen will? Was spricht dafür? Noch wichtiger: Was spricht dagegen? Welche anderen Erklärungen gibt es? Hat der Kunde schon Interesse gezeigt? Ist Freitagnachmittag vielleicht einfach eine ungünstige Zeit für Anrufe?
Der Disput endet erst, wenn der positive Effekt E eintritt: „Stimmt, es gibt andere Erklärungen. Mein Erklärungsmuster B hänge ich an den Nagel. Ich mache jetzt Wochenende und bin am Montag wieder voll dabei.“
Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Methode: Deine Gefühle hängen nicht direkt vom auslösenden Ereignis A ab. Sie hängen nur mittelbar davon ab. Dazwischen steht nämlich Dein Erklärungsmuster B.
Zweites Beispiel: die Absage nach der Bewerbung
Die ABC-Methode funktioniert auch bei der Jobsuche. Angenommen, Du bekommst nach einem Vorstellungsgespräch eine Absage. Das ist A, das auslösende Ereignis.
Das pessimistische Erklärungsmuster B lautet: „Ich bin einfach nicht gut genug. Mich will sowieso niemand.“ Hier wirken beide Dimensionen. Die Erklärung gilt für alle Bereiche und für immer. Die Konsequenz C ist klar. Du schreibst weniger Bewerbungen und gehst unsicher in das nächste Gespräch.
Jetzt folgt D, der Disput. Was spricht wirklich für diese Erklärung? Vielleicht gab es eine interne Kandidatin. Vielleicht passte das Gehalt nicht. Vielleicht hast Du eine Frage unsicher beantwortet. Das lässt sich üben. Frag ruhig nach, woran es lag. Viele Unternehmen geben auf Nachfrage eine kurze Rückmeldung.
Der neue Effekt E lautet dann: „Diese Stelle hat nicht geklappt. Die Frage zu meinen Schwächen bereite ich besser vor. Beim nächsten Gespräch bin ich sicherer.“ Du siehst die Absage als einzelnes Ereignis. Und Du kennst eine Ursache, die Du verändern kannst. Das ist begründeter Optimismus.
Sei dabei ehrlich zu Dir. Begründeter Optimismus heißt nicht, sich jede Absage schönzureden. Findest Du im Disput echte Schwachstellen, nimm sie ernst. Genau dort liegt Dein Hebel für den nächsten Erfolg.
Mentale Übung
Stell Dir vor: Du betrittst einen Raum mit Kollegen, die tief ins Gespräch vertieft sind. Kaum sehen sie Dich, unterbrechen sie und schauen Dich an. Spiel die Schritte A bis C einmal für einen Optimisten durch. Danach spielst Du A bis C für einen Pessimisten durch und hängst gleich D und E an.
Hast Du die Übung gemacht? Sehr gut. Natürlich kann es sein, dass die Kollegen gerade schlecht über Dich gesprochen haben. Oder dass sie hinter Deinem Rücken etwas planen. Es kann aber auch etwas ganz anderes sein. Vielleicht erwarten sie einfach einen neuen Impuls von Dir.
Wichtig ist: Manchmal treffen Deine Befürchtungen zu. Die Kollegen sprechen schlecht über Dich, und auch nach dem Disput ist die Lage eindeutig. Was dann? Dann kommen andere Fähigkeiten ins Spiel. Wie stark ist Dein Selbstvertrauen? Wie gut sprichst Du Konflikte an? Wie kreativ löst Du Probleme?
Woher kommen Erklärungsmuster?
Du musst nicht alles über Optimismus, Pessimismus oder Erklärungsmuster wissen, um von begründetem Optimismus zu profitieren. Meist genügt es, die Mechanik zu beachten, die wir bis hierher besprochen haben. Sie wirkt wie ein Hebel. Mit einem langen Hebel bewegst Du mit wenig Kraft viel.
Vielleicht möchtest Du trotzdem wissen, woher Deine Erklärungsmuster kommen. Sie fallen nicht vom Himmel. Meist übernimmst Du sie in früher Kindheit von Deinen Eltern oder anderen Bezugspersonen. Deshalb wirken sie selbstverständlich. Doch selbstverständlich heißt oft nur: nie selbst hinterfragt.
Viele Menschen hinterfragen die Erklärungsmuster nie, mit denen sie aufgewachsen sind. Zu abstrakt, zu alltagsfern. Dabei ist es einfach zu verstehen: Als Kind kennst Du die Welt noch nicht. Was Du weißt, stammt aus Deiner begrenzten eigenen Erfahrung. Alles darüber hinaus erzählen Dir Bezugspersonen.
Du nimmst Dir zum Beispiel Deine Eltern zum Vorbild. Erst Jahre später kannst Du hinterfragen, ob wirklich alles stimmt, was sie sagen. Der Psychologe Albert Bandura hat dieses Lernen erforscht. Er nannte es „Vicarious Learning“, also stellvertretendes Lernen oder Modelllernen.
Bezugspersonen sind Menschen, deren Sicht Du übernimmst, weil Du ihnen vertraust. Meist sind das Eltern, Freunde oder Lehrkräfte. Weil Du ihnen vertraust, schließt Dein Gehirn automatisch: Was für sie wahr ist, ist für mich auch wahr. Für Kinder ist meist wahr, was die Eltern sagen.
Das gilt, bis irgendwann ein Bruch passiert. Dann merken wir: Die Eltern sind nicht unfehlbar. Ich sollte hinterfragen, was ich für wahr halte. Dieser Schritt muss oft bewusst herbeigeführt werden. Jetzt ist der zweitbeste Zeitpunkt dafür. Der beste wäre vor vielen Jahren gewesen.
Entscheidend ist: Denk nicht, es sei zu spät, Deinen Pessimismus zu hinterfragen. Damit flüchtest Du Dich zwar aus der Verantwortung, aber nicht aus den Folgen. Deine Erklärungsmuster bleiben ja bestehen. Erinnere Dich: Den Unterschied macht nicht die tatsächliche Ursache. Den Unterschied macht Deine Erklärung der Ursache.
Erlernte Hilflosigkeit durch blinden Pessimismus und falsche Erklärungsmuster
Die negativen Folgen von Pessimismus haben wir oben schon angesprochen. Eine weitere Gefahr falscher Erklärungsmuster ist die erlernte Hilflosigkeit. Beschrieben hat sie der Psychologe Martin Seligman. Im Kern besagt sie: Je hilfloser Du Dich fühlst, desto passiver wirst Du. Irgendwann unternimmst Du gar nichts mehr, obwohl Deine Lage veränderbar wäre. Du versinkst in einer Opfergeschichte.
Angenommen, in Deiner Familie sind alle übergewichtig. Dann wäre es verständlich, wenn Du von vornherein skeptisch bist, ob Du abnehmen kannst. Du hältst es für dauerhaft, weil es scheinbar selbstverständlich in Dir liegt. Und es wirkt sich auf Dein ganzes Leben aus. Warum solltest Du Dich plötzlich gesund ernähren? Es scheint keinen Sinn zu haben. Also bleibst Du passiv.
Passivität sorgt für sich selbst erfüllende Prophezeiungen
- Du erwartest, dass etwas Negatives passiert.
- Du glaubst, nichts dagegen tun zu können.
- Du bleibst passiv.
- Das Negative passiert, weil Du es nicht verhindert hast.
- Du fühlst Dich in Deiner Erwartung bestätigt.
Ein eindrucksvolles Experiment zur erlernten Hilflosigkeit zeigt das Video unten.
Erlernte Hilflosigkeit zerstört das Selbstvertrauen
Im Video zeigt eine Dozentin das Phänomen in einem Hörsaal. Eine Gruppe Studierender bekommt ein Blatt mit drei Anagrammen. Anagramme sind Wörter, deren Buchstaben sich zu neuen Wörtern umstellen lassen. Aus Helm wird zum Beispiel Mehl, aus Lampe wird Ampel.
Die Studierenden sollen die Buchstaben zu solchen neuen Wörtern ordnen. Was sie nicht wissen: Die eine Hälfte hat lösbare Wörter vor sich, etwa BAT, das zu TAB wird. Die andere Hälfte hat Wörter wie WHIRL, die sich nicht zu sinnvollen Wörtern umstellen lassen. Egal, wie sie es drehen, die Aufgabe ist unlösbar. Nach kurzer Zeit fragt die Versuchsleiterin per Handzeichen, wer fertig ist.
Wie zu erwarten, hebt die eine Hälfte sofort die Hand. Die andere Hälfte traut ihren Augen nicht. Der Versuch wird wiederholt. Wieder ist eine Hälfte fertig, während die andere verzweifelt.
Das Besondere kommt beim dritten Wort. Es ist für beide Gruppen identisch. Die zuvor erfolgreiche Gruppe geht mit Selbstvertrauen an die Aufgabe. Die andere Gruppe hält sie für unlösbar und versucht es kaum noch. Ihr Selbstvertrauen ist gebrochen. Die Folgen wirken über die Zeit und vielleicht auch auf andere Aufgaben.
Erlernte Hilflosigkeit als Gefangensein in der Opferrolle
Im Video beschreibt die Versuchsleiterin erlernte Hilflosigkeit als Gefangensein in der Opferrolle. Im Alltag rutschen wir schnell in diese Rolle, wenn etwas zwei- oder dreimal nicht klappt. Wir denken: Es ist wohl nicht veränderbar. Ich bin ein Versager. Richtig? Falsch.
Sprichst Du auf einem Networking-Event neue Menschen an, entsteht vielleicht bei den ersten fünf Kontakten kein gutes Gespräch. Heißt das, Du kannst nicht netzwerken? Nein. Heißt das, Du solltest aufgeben? Nein. Beim nächsten Mal kann es anders laufen.
Es sind von Menschen gemachte Regeln in unseren Köpfen. Sie machen Dich für den einen uninteressant, während sich die andere brennend für Dich interessiert. Welche drei Beispiele dafür fallen Dir aus Deiner eigenen Vergangenheit ein?
Begründet optimistisch in die berufliche Zukunft
Fassen wir zusammen: Blinder Optimismus und blinder Pessimismus haben eines gemeinsam. Beide verzichten darauf, die Ursachen zu prüfen. Begründeter Optimismus prüft die Ursachen. Er ändert, was sich ändern lässt, und nimmt den Rest gelassen hin. Dafür brauchst Du keine angeborene Frohnatur. Du brauchst Übung, Ehrlichkeit und etwas Geduld.
Begründeter Optimismus hilft Dir besonders bei beruflichen Entscheidungen. Etwa nach einer Absage, einem Jobverlust oder vor einem Neustart. In unserer Karriereberatung analysieren wir mit Dir Ursachen, Stärken und Möglichkeiten. Danach planen wir Deine nächsten Schritte.
Das Coaching läuft online per Zoom. Das kostenlose Kennenlerngespräch läuft meist telefonisch.
